Arlette Frage. Der Geschmack des Archivs. Aus dem Französischen von Jörn Etzold in Zusammenarbeit mit Alf Lüdtke. Mit einem Nachwort von Alf Lüdtke. (Wallstein Verlag) Göttingen 2011

Die französische Historikerin Arlette Farge ist Forschungsdirektorin des Centre national de la recherche scientifique an der renommierten École des hautes études en sciences sociales in Paris und eine der profiliertesten französischen Geschichtswissenschaftlerinnen. In ihren Forschungen befasst sie sich vorwiegend mit dem 18. Jahrhundert. Für ihre zahlreichen ebenso profunden wie inspirierenden Untersuchungen zu Frankreich im Zeitalter der Aufklärung und zur Zeit der großen Revolution hat sie unter anderem viele tausend Gerichts- und Polizeiakten des französischen Nationalarchivs, der Bibliothèque de l’Arsenal und der Bibliothèque Nationale ausgewertet und sich immer wieder auf inhaltlich und methodisch höchst innovative Weise damit befasst, das Leben, Sprechen und Denken der ‚einfachen Leute‘ zu rekonstruieren.

 

„Der Geschmack des Archivs“, ein 1989 verfasster, knapp 100-seitiger Essay ist, um im Bild zu bleiben, keine ganz leichte Kost. Aber er vermittelt der Leserschaft genau das, was Arlette Farge über ihre Arbeit im Archiv zu berichten hat: Wer bereit ist, sich auf die Lektüre einzulassen, wird reich belohnt und mit geradezu sinnlichem Erleben (deswegen: „Geschmack“) beglückt. Farge erläutert, ihre vielen anregenden Gedanken miteinander verwebend, den Stellenwert der Archive für die geschichtswissenschaftliche Forschung, sie stellt Überlegungen zu Möglichkeiten und Notwendigkeiten quellenkritischer Herangehensweisen dar, sie beurteilt den Erkenntniswert historischer Quellen und sie lässt immer wieder ihre persönlichen Erfahrungen, ihre während der Arbeit sich regelmäßig ereignenden optischen, haptischen und olfaktorischen Erlebnisse, in ihre Darlegungen einfließen. Farge berichtet von den Räumlichkeiten der großen Archive ebenso wie von ihren Gefühlen und Gedanken, wenn sie auf Unerwartetes trifft, wie etwa Polizeiakten beigefügte Beweisstücke, oder wenn Erwartetes, umgekehrt, nicht eintrifft, sich nicht finden lässt und sie ihren Arbeitstag dann enttäuscht mit der Erkenntnis beschließen muss, dass Archive auch Orte des Mangels sind. Wer, wie Arlette Farge, schon einmal mit Archivalien gearbeitet hat, stößt in diesem Text auf Bekanntes und Vertrautes. Und doch ist vieles neu, denn: Die Gleichzeitigkeit von empathischer Nähe und analytischer Distanz, die Farge den Akten und ihren jeweiligen Untersuchungsgegenständen entgegenzubringen und hier auf beeindruckende Weise in Worte zu fassen weiß, provoziert durchweg die Frage nach dem eigenen Vorgehen, Erkennen und Erleben. Wer diese Erfahrung noch nicht gemacht hat, wird sich der Autorin gerne anvertrauen, sich zu einer Gedankenreise anregen und von ihr auf dieser Reise begleiten lassen und am Ende dann gut verstehen können, was sie so klug entfaltet: „Der Geschmack des Archivs ist offensichtlich eine Irrfahrt durch die Worte anderer, zugleich die Suche nach einer Sprache, die deren Triftigkeit rettet. Vielleicht ist er auch eine Irrfahrt durch die Worte von heute, die unvernünftige Überzeugung, dass man Geschichte schreibt, nicht um sie zu erzählen, sondern um eine tote Vergangenheit sprachlich zu artikulieren und so den ‚Austausch zwischen Lebenden‘ zu erzeugen. Um in einen Diskurs zu gleiten, der nicht zu vollenden ist: über den Menschen und das Vergessen, den Ursprung und den Tod. Durch Worte, welche das Verstricktsein eines jeden in die gesellschaftliche Debatte übersetzen.“

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