Daniel Kahneman. Schnelles Denken, langsames Denken. (Siedler Verlag) München 2012

„Wir können einfach nicht anders, als mit den beschränkten Informationen, die wir besitzen, so zu verfahren, als wären sie alles, was man über ein Thema wissen kann… Unsere beruhigende Überzeugung, dass die Welt einen Sinn hat, ruht auf sicherem Fundament: unserer beinahe unbegrenzten Fähigkeit, die eigene Unwissenheit zu ignorieren“. Achtung, hier geht es nicht nur um Donald Trump, sondern um jede/n von uns. Der Mechanismus ist allgemeingültig. Zitate wie dieses findet man in dem Buch von Daniel Kahneman (S. 249), der 2002 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt, aber Sozialpsychologe ist und schon in den 1970er Jahren zusammen mit seinem Kollegen Amos Tversky Untersuchungen zu Faustregeln (Heutistiken) und Verzerrungen bei der Betrachtung von Umwelt und Menschen durchführte. In „Schnelles Denken, langsames Denken“ stellt er die beiden Systeme in unserem Gehirn dar, mit denen wir entweder intuitiv Bewertungen und Einschätzung vornehmen oder analytisch vorgehen. Der Hang zur Intuition ist übermächtig, sie geht schnell und bestätigt immer das, was wir bereits erfahren haben und zu wissen glauben. Das bedeutet aber auch, dass wir uns häufig irren, was jedoch selten auffällt, weil wir auch unsere Fehleinschätzungen kognitiv harmonisieren. Was das obige Zitat außerdem ausdrückt: Nur eine bewusste Selbstskepsis und Reflexionsbereitschaft machen entsprechende Mechanismen bearbeitbar. Der Erkenntnisgewinn ist aufwändig und auch nicht immer besonders komfortabel oder selbstwertdienlich. Eigentlich sollte das Buch von Kahneman Pflichtlektüre für alle diejenigen sein, die Entscheidungen treffen, die sich auf andere massiv auswirken – in Schule, Universität, bei der Personalsuche, beim Ausgeben von Geld, das einem selbst nicht gehört (öffentlicher Dienst), bei der Polizei, im Umgang mit Verschwörungsmythenverbreiter*innen usw. Vieles ist erhellend, manchmal jedoch auch ernüchternd. Auf jeden Fall ist es gut, kognitive Fallstricke zu kennen. Unterhaltsam ist das 600-Seiten-Werk wegen der vielen AHA-Momente auf jeden Fall, auch wenn man nicht jede Seite genau lesen und eingestreute statistische Finessen in Gänze verstehen muss.

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